TUM Alumnus Uchendu Eugene Chigbu

TUM Alumnus Professor Dr. Uchendu Eugene Chigbu setzt sich für nachhaltige ländliche Entwicklung in Afrika ein (Bild: Chigbu, privat)

Alumni international
Professor Uchendu Eugene Chigbu
„Eine gut geschriebene und umgesetzte Idee kann das Leben der Menschen verbessern”
14. Nov 2023  |  
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TUM Alumnus Uchendu Eugene Chigbu wurde in einer ländlichen Gegend in Nigeria geboren. Schon als Jugendlicher machte er sich darüber Gedanken, wie man ländliche Gebiete am besten weiterentwickeln und dadurch das Leben der Menschen vor Ort verbessern könnte. Um bei einer internationalen Koryphäe mehr über das Thema zu lernen, ging er nach München an die TUM – und blieb für den Master, die Promotion und die Postdoc-Zeit insgesamt 13 Jahre.

Durch sein federführendes Mitwirken an groß angelegten Entwicklungsprojekten konnte sich Uchendu Eugene Chigbu rasch international eine Reputation erarbeiten. Heute setzt er als Professor für Landverwaltung an der Namibia University of Science and Technology die an der TUM gewonnenen Kenntnisse in Afrika um.

Herr Professor Chigbu, warum ist Land Management ein afrikanisches Thema?
Das ist es gar nicht. Es geht uns alle an. Die Frage, wie wir Räume außerhalb von Städten nachhaltig entwickeln, wie wir also mit ländlichen Räumen umgehen, wie wir sie vermessen, verteilen, voranbringen und erhalten, das ist für Europa und Bayern genauso wichtig wie für Afrika. Was die Situation in vielen Schwellenländern wie Afrika so bedeutsam macht, ist, dass Eigentums-, Besitz- und Landnutzungsrechte oft keineswegs verbindlich geregelt sind. Nur rund zehn Prozent der Landflächen sind in Afrika formal registriert und damit rechtlich abgesicherter Besitz. Weil bei den verbleibenden neunzig Prozent nicht eindeutig geregelt ist, wem das Land gehört und wer es nutzen darf, entstehen Landkonflikte und große Unsicherheiten in der Bevölkerung. Es kann weder langfristig geplant noch investiert werden. Nationale und internationale Investoren kaufen großflächig Land auf und vertreiben häufig die Menschen, die dort leben. Besonders betroffen davon ist natürlich die indigene Bevölkerung, aber auch gesellschaftliche Randgruppen, Frauen, junge, alte und kranke Menschen.
Haben Sie sich schon immer für dieses Thema interessiert?
Schon als Kind und Jugendlicher war mir bewusst, dass die fehlenden Regelungen zur Landnutzung dazu führen, Ungerechtigkeiten Tür und Tor zu öffnen. Meine Mutter hat sich immer über die Situation in unserem Dorf beschwert. In Nigeria habe ich im Bachelor Estate Management studiert, was in großen Teilen dem Studienfach Bodenordnung und Landentwicklung entspricht. Danach ging ich für das Masterstudium nach England und habe dort einen Ausflug in die Wirtschaftswissenschaften gemacht. Mir war aber schnell klar, dass ich zu den Wurzeln meines Interesses zurückkehren wollte.
Und so sind Sie an die TUM gekommen?
Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, einen Master in Land Management zu machen. Also habe ich angefangen zu recherchieren, wo man das Fach am besten studieren kann. Während meiner Recherchen tauchte ein Name immer wieder auf und zwar der von Professor Dr. Holger Magel.
Er war damals Ordinarius für Bodenordnung und Landentwicklung der TUM und gilt als international anerkannte Koryphäe auf diesem Gebiet.
Er hatte ein renommiertes Studienprogramm ins Leben gerufen, das über die Grenzen Deutschlands hinaus sehr bekannt war und überall erwähnt wurde. Zudem war Professor Magel zum damaligen Zeitpunkt auch Präsident der Internationalen Vereinigung der Vermessungsingenieure. Kurzum: Mein Interesse war geweckt – zusammen mit der Neugier, an dem Studienprogramm teilzunehmen und Holger Magel persönlich kennenzulernen. Tatsächlich wurde er an der TUM mein Lehrer und auch mein Mentor. Alles hat sich wunderbar gefügt. Das Studium an der TUM hat eindeutig meinen weiteren beruflichen Lebensweg geprägt.
Inwiefern?
Als ich das erste Mal in den Seminarraum an der TUM spazierte, war ich komplett überrascht. Ich kam aus England, wo wir immer rund dreißig bis vierzig Personen im Kurs waren und viel aus der Literatur gelernt haben. An der TUM waren es 12 Personen in der Klasse und jede kam aus einem anderen Land. Da saßen Studierende aus China, aus der Mongolei, aus Brasilien, aus Kambodscha, aus Ghana, Thailand, aus Jamaica und vielen anderen Orten, an denen ich nie zuvor gewesen bin. Wir haben in den Kursen nicht hauptsächlich durch Frontalunterricht gelernt, sondern wir wurden dazu ermuntert, miteinander zu sprechen und voneinander zu lernen. Ich musste also nicht in Büchern lesen und herausfinden, wie die Landnutzungs-Situation in China ist, sondern ich konnte direkt meinen Sitznachbarn fragen. Ich habe alle Informationen aus erster Hand bekommen. Ich habe auf alles, was ich gelernt habe, gleich eine globale Perspektive bekommen. Natürlich gab es jeden Tag von morgens bis 17 Uhr intensiven theoretischen Unterricht, aber das ganze Programm war so wunderbar praktisch – auch wegen der regelmäßigen Praktika und Exkursionen in Bayern und ganz Deutschland.
Professor Chigbu vor der Namibia University of Science and Technologie

Bild: privat

Professor Chigbu vor der Namibia University of Science and Technologie.
Sind Sie viel unterwegs gewesen?
Stellen Sie sich vor, ich habe während meiner Zeit an der TUM sieben verschiedene bayerische Bürgermeister getroffen (lacht). Sie erzählten uns direkt von den bayerischen Praktiken der ländlichen und städtischen Entwicklung. Darunter auch den Bürgermeister von Weyarn, den wir besuchten und der später zu uns in den Unterricht kam und uns erklärte, welche Bedingungen und Konflikte bei ihm auf der Tagesordnung standen. Wir machten Exkursionen in die einzelnen Gemeinden, trafen mehrere Bürgermeister und Gemeindeangestellte, die vor Ort an den Herausforderungen arbeiteten, die wir zuvor im Unterricht besprochen hatten. Sie erzählten uns von den Problemen vor Ort und wie sie diese lösten. Es war ein sehr handlungsorientiertes Lernen. Professor Magel und seine Assistenten sorgten dafür, dass immer wieder renommierte Gastdozenten aus aller Welt zu uns in den Klassenraum kamen. Referenten aus Großbritannien, aus den Niederlanden, aus Kambodscha, aus Ghana und vielen anderen Ländern. Das war alles unheimlich spannend und hat meinen Horizont sehr erweitert. Professor Magel ist ein ganz toller Netzwerker. Er kannte zu jedem Thema den passenden Ansprechpartner.
Hat das auf Sie abgefärbt?
Die Fähigkeit zu Netzwerken ist auf jeden Fall etwas, das ich an der TUM gelernt habe. Ich habe meine Professoren genau beobachtet und analysiert, wie sie ihre Forschungsgruppe geleitet haben, wie sie sich auf Konferenzen vorbereitet und verhalten haben, wie sie ihre Netzwerke gepflegt haben. Nachdem Professor Magel in den Ruhestand gegangen ist, war ich drei Jahre als Postdoc bei Professor Dr. Thomas Wunderlich in der Ingenieurgeodäsie. Dann habe ich bei Holger Magels Nachfolger, Professor Dr. Walter de Vries, gearbeitet, bevor ich nach Namibia gegangen bin. Sie alle waren wunderbare Vorbilder für mich – vor allem, wenn es darum ging zu lernen, wie man akademische Projekte managt.
Und brauchen Sie diese Fähigkeit heute als Professor in Namibia?
Jeden Tag. In meiner derzeitigen Position leite ich mehrere Netzwerke, bekleide eine Reihe von Führungspositionen und habe viele akademische Aufgaben. Derzeit bin ich Koordinatorin des Programms Network of Excellence on Land Governance in Africa (NELGA) im südlichen Afrika. Dieses Programm ist wurde von der Afrikanischen Union (AU) aufgesetzt, wird aber von der deutschen Regierung unterstützt, um die personellen und institutionellen Kapazitäten für die Umsetzung der AU-Agenda für Land zu stärken. Im Rahmen von NELGA koordiniere ich ein Netzwerk von mehr als 30 Universitäten aus dem gesamten südlichen Afrika. Es ist manchmal schwierig und komplex, sie alle miteinander zu verbinden und ihre Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber während meines Studiums habe ich trainiert, mich in die Lage meines Gegenübers zu versetzen und ein Problem aus dessen Perspektive zu betrachten. Das finde ich sehr hilfreich.
Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Kommilitonen von der TUM?
Ich bin immer noch sehr aktiv in einer WhatsApp-Gruppe, in der wir Ideen und Erfahrungen austauschen. Sie alle arbeiten in der Landverwaltung auf der ganzen Welt. Wenn ich also wissen will, wie ein Problem heute in einem anderen Land geregelt wird, erhalte ich von ihnen Informationen aus erster Hand. Darüber hinaus sind drei meiner früheren Studenten an der TUM jetzt Arbeitskollegen an der NUST Namibia und zwei von ihnen arbeiten sogar in meiner Abteilung (lacht).
War für Sie schon immer klar, dass sie eine akademische Karriere einschlagen wollten?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir vielleicht in meine Kindheit zurückgehen. Ich wurde in eine große Familie geboren als letztes von acht Kindern. Ich habe also sechs größere Schwestern und einen Bruder. Wir wurden alle sehr geliebt. Da ich aber das letzte Kind war, hatte meine Familie besonders großes Interesse daran, dass aus mir etwas wird und ich mein Leben nicht vergeude. Aber ich habe es keinem von ihnen leichtgemacht, insbesondere meiner Mutter nicht.
Inwiefern?
Ich bin leider nie gerne in die Schule gegangen. Ich habe einfach keinen Sinn darin gesehen, ich mochte es nicht und habe nie verstanden, was ich dort soll. Und so musste ich zu Beginn meiner Schulzeit mehrere Klassen wiederholen. Aber meine Familie hat mich nicht aufgegeben: Sie haben darauf bestanden, dass ich weiter zur Schule gehe. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter, die selbst nie auf eine Schule gegangen ist, sich eines Tages vor mich hinkniete und mich anflehte, zur Schule zu gehen. Sie sagte: „Uche, du musst in die Schule gehen, genau wie deine Brüder und Schwestern.“ Und ich antwortete: „Aber warum denn?“ Da sagte meine Mutter: „Wenn du nicht in die Schule gehst, bist du wie ein Blinder. Du wirst nie lesen und schreiben können und wer nicht lesen und schreiben kann, wird seinen Weg im Leben nicht finden.“ Heute verstehe ich natürlich, was sie damit gemeint hat, aber damals konnte ich den Sinn in der Schule einfach nicht sehen.
Und wie wird nun aus jemandem, der nicht gerne zur Schule gegangen ist, ein Professor?
Ursprünglich führte mich mein Interesse für Landmanagement an die TUM. Dann wurde mir klar, dass ich meine akademische Arbeit ernst nehmen musste, da ich in Deutschland aufgrund meiner schlechten Deutschkenntnisse keinen regulären Job bekommen konnte. Außerdem unterstützte Professor Magel internationale Studierende in seinem Fachbereich und ließ sie vor Ort zu Themen forschen, die ihre eigenen Länder betrafen. Wenn wir im Unterricht bestimmte Dinge besprachen, fragte er mich oft: „Eugene, wie würdest du das in Afrika umsetzen?“ Diese Frage störte mich zunächst, da ich damals daran dachte, mir in Deutschland einen Job zu suchen. Aber als ich während meines Aufenthalts bei ihm reifer wurde, erkannte ich, dass es seine Art war, zu sagen: „Du hast eine Verantwortung in Afrika.“ Also nahm ich sie an.
Warum?
Ich fand, sie implizierte, dass mein Wissen und meine Qualifikationen in Deutschland nicht gebraucht werden. Irgendwann habe ich ihn darauf angesprochen. Er hat mir erklärt, für wie wichtig er es hält, dass seine Studierenden und Doktoranden in ihre Heimatländer zurückkehren, um dort umsetzen, was sie bei ihm an der TUM gelernt haben. Deswegen war es ihm so wichtig, dass wir praxisnah lernten und uns für eine ganzheitliche Perspektive miteinander austauschen. Er sagte: „Ihr habt die Macht und das Wissen, in eurer Heimat wirklich etwas zu verändern. Also tut es auch.“
Und hatte er damit Recht?
Ja, natürlich! Mit meiner Forschung und meinen Veröffentlichungen schärfe ich in Afrika das Bewusstsein dafür, wie Landmanagement in Afrika realistisch betrieben werden kann. Ich nutze meine Position als Dozentin und akademischer Netzwerker, um Ideen, Handlungsempfehlungen und bewährte Praktiken über die Netzwerke, die ich strategisch aufbaue, zu verbreiten. Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass eine gut ausgearbeitete Idee einen echten Einfluss auf die Gesellschaft haben und das Leben der Menschen verbessern kann. Eine der von mir vorgestellten Methoden zur Landbewirtschaftung wird jetzt von UN-Habitat in Gemeinden in Namibia und Uganda umgesetzt. Darüber hinaus besteht meine Hauptaufgabe natürlich darin, die nächste Generation auszubilden. Als ich nach Namibia an meinen Lehrstuhl kam, habe ich dort zunächst das Modell der TUM-Forschungsgruppen eingeführt. Ich möchte meinen Studenten und Nachwuchskollegen ein Mentor sein und ihnen das Wissen und das Selbstvertrauen vermitteln, das ich an der TUM und in der Welt gelernt habe.
TUM Alumnus Uchendu Eugene Chigbu.

TUM Alumnus Professor Dr. Uchendu Eugene (Bild: Privat)

Prof. Dr. Uchendu Eugene Chigbu

Master Land Management and Land Tenure 2009, Promotion Land Management 2013

 

Uchendu Eugene Chigbu absolvierte seinen Bachelor in Estate Management an der Abia State University in Nigeria. An der britischen University of Reading schloss er 2005 den Master in Business and Management in Emerging Markets ab. Anschließend absolvierte er an der TUM einen zweiten Master in Land Management and Land Tenure. 2013 folgte hier die Promotion in Ingenieurwissenschaften.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete er an mehreren internationalen Entwicklungsprojekten und war Teil des „ADLAND“-Konsortiums und der Afrika-Initiative der TUM. Im Jahr 2020 wurde Uchendu Eugene Chigbu zum außerordentlichen Professor für Landverwaltung an der Namibia University of Science and Technology ernannt.

Uchendu Eugene Chigbu ist Ko-Vorsitzender des internationalen Forschungsclusters des Global Land Tool Network (UN-Habitat) und Koordinator des Network of Excellence on Land Governance in Africa (in der Region Südliches Afrika).

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Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 1/2023 des TUM Alumni Magazins KontakTUM.

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