Großaufnahme einer Hand an einer Geigenseite.

Bild: Juli Eberle/TUM.

Alumni musizieren
Acht Alumni erzählen, wie Musik ihr Leben prägt
Musik verbindet
14. Okt 2021
Lesezeit ca. Min.
Es sind nicht nur Ausbildung und berufliche Fähigkeiten, die einen Menschen zu einer erfolgreichen Forscherin oder einem innovativen Unternehmer machen. Auch Dinge, die wir in unserer Freizeit tun, prägen unsere Persönlichkeit, wir schöpfen Kraft, tanken auf, kommen auf neue Ideen häufig gerade dann, wenn wir nicht arbeiten – zum Beispiel beim Musizieren. Vier Alumni erzählen, was Musik für ihren Alltag und ihre Arbeit bedeuten.
Porträtfoto von Boson Stefan Liu und Xing Ye

Bild: Magdalena Jooß/TUM.

Musik ist menschlich

Tagsüber forscht Boson Stefan Liu am Lehrstuhl für Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme und beschäftigt sich mit der Sicherheit des Menschen in der Nähe von Robotern, am Abend musiziert er zusammen mit seiner Frau Xing Ye als Klavier-Pipa-Duo. „Kunst ist etwas durch und durch Menschliches, das finde ich so toll an der Musik“, sagt er.

Stefan Liu spielt Klavier, singt aber auch in einem international renommierten Jazz-A-Cappella Chor. Weil dies nun lange nicht möglich war, übt und führt er zusammen mit Xing Ye Stücke auf, die die Pipa, eine chinesische viersaitige Laute, mit dem Piano kombinieren. Sie genießen die Erholung in der Welt der Musik, denn dort sei eben nichts automatisiert, nichts perfekt: „Die kleinen Fehler machen uns Menschen aus.“

Boson Stefan Liu (B. Sc. Mechatronik und Informationstechnik 2015, M. Sc. Robotics, Cognition, Intelligence 2017) und Xing Ye (Master Management and Technology (TUM-BWL) 2021) haben sich im Rahmen des TUMexchange-Programms an der Zhejiang University in China kennengelernt und sind anschließend nach München gezogen, um gemeinsam an der TUM zu studieren. Mittlerweile arbeitet Xing Ye in der Automobilbranche, Stefan Liu promoviert am Lehrstuhl für Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme und entwickelt Algorithmen mit dem Ziel, dass Roboter Menschen nicht verletzen.

Xing Ye und Boson Stefan Liu mit dem Instrument Pipa.

Bild und Video: Magdalena Jooß/TUM.

Xing Ye

spielt für Sie auf der Pipa

Professor Bungartz mit seiner Geige.

Bild: Magdalena Jooß/TUM.

Musik ist Machen

Ein Leben ohne Musik? Das kann sich Prof. Dr. Hans-Joachim Bungartz für sein Leben nicht vorstellen. Er ist Professor und Dekan an der Fakultät für Informatik der TUM und spielt in seiner Freizeit Violine – in Kammerensembles wie in Symphonieorchestern. „Das Machen von Musik ist dabei ganz zentral“, betont er. Und egal in welcher Lebensphase man sich befinde, egal wie voll der Terminkalender sei: Man müsse dranbleiben, „das Mittagessen geht ja auch immer noch“.

Effekte auf seinen Alltag habe die Musik viele: Nervosität beherrschen und improvisieren lernen, die Scheu vor dem großen Publikum ablegen und Leistung auf den Punkt abliefern, aber auch die Menschen von einer anderen Seite kennen lernen, auf andere achten und zugleich anderen Orientierung geben: „Wer gelernt hat, mit solistischen Diven umzugehen, den haut auch das schrägste professorale Verhaltensmuster nicht um. Insofern profitiert der Dekan in mir heftig von der Musik.“

Prof. Dr. Hans-Joachim Bungartz (Diplom Mathematik 1988, Diplom Informatik 1989, Promotion Informatik 1992, Habilitation 1998) hat seine gesamte akademische Ausbildung an der TUM durchlaufen und ist nach Stationen in Augsburg und Stuttgart 2004 als Professor für Informatik mit Schwerpunkt Wissenschaftliches Rechnen an die TUM zurückgekehrt. Seit 2013 ist er Dekan an der Fakultät für Informatik der TUM und Direktor der TUM Graduate School.

Hans-Joachim Bungartz spielt auf der Violine.

Bild und Video: Magdalena Jooß/TUM.

Hans-Joachim Bungartz

spielt für Sie auf der Violine

Stefan Schwänzl spielt auf der Klarinette.

Bild: Beate Mader Vision3.

Musik ist ein Gesamterfolg

In einem Orchester geht es immer um das große Ganze, nicht um das einzelne Instrument oder darum, die eigene Person ungeplant in den Vordergrund zu setzen. Davon könnten Projektteams und ganze Firmen viel lernen, sagt Stefan Schwänzl. Der TUM Alumnus arbeitet als Personalberater und Coach, wobei ihm seine Erfahrungen als Musiker sehr helfen. Denn in der Musik erlebe er, wie gute Teamarbeit funktioniert, wie sich der einzelne auf die anderen einlässt und alles tut, damit der Gesamterfolg stimmt. „Aus der Musik lässt sich vieles auf den Arbeitsalltag übertragen“, meint er: „Auf ein Projekt muss man sich ebenso einlassen wie auf das Stück, das man spielen will. Erst wenn man es gut beherrscht, kann man kreativ werden, improvisieren, das Vorhandene weiterdenken – das ist in der Wissenschaft oder Prozessen auch so.“

Stefan Schwänzl ist Teil des Duos Entre Aguas und spielt regelmäßig auf der Bühne: Bossa Nova und Rumba, Jazz Standards und Klezmer. Dabei findet er Erholung und die Möglichkeit, Kraft zu tanken. Und das hat ihm in der Corona-Zeit besonders gefehlt: das gemeinsame Musizieren vor Ort. Denn „Kreativität entsteht vor allem im persönlichen Miteinander, wenn man jeden Gestus, jede Körperregung wahrnimmt“. Gut also, wenn Konzerte wieder möglich werden.

Dr.-Ing. Stefan Schwänzl (Diplom Elektrotechnik und Informationstechnik 1992, Diplom Arbeits- und Wirtschaftswissenschaft 1995) studierte Elektrotechnik an der TUM und ergänzte das Studium mit einem betriebswirtschaftlichen Aufbaustudium. Er promovierte später berufsbegleitend am Fraunhofer Institut auf den Gebieten der Organisationsentwicklung und Projekt-/ Prozessmanagement und ergänzte sein Kompetenzspektrum mit einer systemischen Coaching Zertifizierung (dvct). Berufliche Erfahrungen hat er als internationaler Projekt- und Changemanager bei Webasto, Deloitte und Siemens gemacht, bis er sich als Personalberater 2016 selbständig gemacht hat. Seit 2011 ist er bei TUM Mentoring von Alumni für Studierende aktiv und hat als Mentor bereits vier Mal Studierende begleitet.

Professor Lampe am Klavier.

Bild: Magdalena Jooß/TUM.

Musik ist Entwicklung

Als Medizinerin und begeisterte Pianistin hat Renée Lampe (Habilitation Medizin 2004) ihre beiden Leidenschaften miteinander verknüpft: Die habilitierte Kinderorthopädin erforscht die positiven Einflüsse von Musik bei der Therapie von motorisch eingeschränkten Menschen und zeigt, wie sich durch das Klavierspiel die Handmotorik verbessert, die Gehirnaktivität verändert und neue neuroplastische Verknüpfungen entstehen.

Renée Lampe selbst hat mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Seither hat die Musik in ihrem Leben eine besondere Bedeutung. Zusammen mit einer Forschungsgruppe hat sie ein sensomotorisches Klaviersystem entwickelt; ein dazugehöriges Notenerkennungssystem, das Noten in Buchstaben übersetzt, hilft, ohne Notenkenntnisse Musikstücke zu lernen. Mit dieser Methode möchte sie Menschen mit Zerebralparese ermöglichen, das Klavierspielen zu erlernen. „Ich möchte anderen Menschen das eröffnen, was ich selbst in der Musik erleben darf.“

Prof. Dr. Renée Lampe (Habilitation Medizin 2004) hat in Heidelberg und Mannheim Medizin studiert, ihre Facharztausbildung für Orthopädie an der LMU München abgeschlossen und sich an der TUM habilitiert. Als Kinderorthopädin mit Schwerpunkt Zerebralparese hat sie begleitend über viele Jahre ein Körperbehindertenzentrum betreut. Mit Forschung frühkindliche Hirnblutungen zu verhindern oder durch musikunterstützte Therapie Menschen komplex zu fördern – diese Ziele haben sie zurück zur Forschung ans Klinikum rechts der Isar der TUM gebracht, wo sie die Forschungseinheit für Zerebralparese und Kinderneuroorthopädie der Buhl-Strohmaier-Stiftung leitet und die Markus Würth Stiftungsprofessur innehat.

Susanne Großkurth mit ihrer Viola.

Bild: Juli Eberle/TUM.

Musik ist Teamarbeit

Wenn Susanne Großkurth zur Bratsche greift, betritt sie eine Parallelwelt abseits von Job und Familienalltag. Die Welt der Musik ist aber nicht nur Entspannung, sondern bereichert auch ihr Leben. „Man lernt die Welt noch einmal mit anderen Augen kennen“, sagt sie, „spielt im Orchester zusammen mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Altersgruppen und schafft gemeinsam etwas Besonderes“. Nicht Beruf oder Familie, sondern das gemeinsame Gestalten in der Musik verbindet.

Susanne Großkurth kommt aus einer Musikerfamilie, hat neben der Viola noch Klavier und Saxophon gelernt und spielt seit vielen Jahren im Symphonischen Ensemble München, das unter anderem jährlich bei den Adventskonzerten der TUM auftritt. Ein Orchester ist für sie wie ein großes, gut funktionierendes Team, in dem die verschiedenen Mitglieder nicht gegeneinander, sondern miteinander agieren. Und dann entsteht aus vielen Einzelstimmen ein großes Ganzes. Das ist, was sie antreibt: „das Musik machen, etwas entwickeln, gemeinsam gestalten.“

Dr. Susanne Großkurth (Diplom Maschinenwesen 2008) hat sich nur um Haaresbreite für ein Studium an der TUM und nicht an einer Musikhochschule entschieden. Heute arbeitet die promovierte Ingenieurin als Assistentin des Vorstands bei MTU Aero Engines und profitiert von ihrer Erfahrung als Musikerin, denn egal wo, für sie ist gute Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg.

Susanne Großkurth spielt auf der Viola.

Bild und Video: Juli Eberle/TUM.

Susanne Großkurth

spielt für Sie auf der Viola

Maximilian Langheinrich und Christoph Dittus in ihrem Studio.

Bild: Magdalena Jooß/TUM.

Musik ist Freiheit

Auch für Maximilian Langheinrich und Christoph Dittus ist Musik ein Ventil: „Raus aus dem Alltag, sich bewusst entkoppeln und den Kopf frei kriegen“, das ist wichtig für den Forscher und den Industriedesigner, die gemeinsam in der Old-School-Hardcore Band The Raw Deals spielen. Aber Musik sei noch mehr als das, sagen sie: „Wenn ich mich nur auspowern will, könnte ich auch Tennis spielen oder laufen gehen“, erklärt Christoph Dittus: „Bei der Musik kann ich weitergehen.“ Wenn die beiden neue Songs schreiben, ordneten sie ihre Gedanken, sie spielten nichts Vorgegebenes, sondern schafften Neues und überführten das, was sie bewege, in eine künstlerische Arbeit – egal ob das selbstreflektierende Gedankengänge oder gesellschaftliche Debatten seien.

Maximilian Langheinrich hat schon immer Musik gemacht und Blockflöte, Klarinette, Saxophon und Gitarre gelernt; Christoph Dittus ist Autodidakt und hat erst in der Band angefangen, sich Gitarre und Bass selbst beizubringen. So unterschiedlich die musikalischen Wege der beiden sind, so stark ist die Gemeinschaft durch die Band und das gemeinsame Erleben. Das ist den beiden wohl das Wichtigste: Denn gerade auf der Bühne entsteht ihre Musik jedes Mal noch einmal neu – im Kontakt mit dem Publikum, in der Kommunikation: „Musik ist etwas sehr Soziales.“

Maximilian Langheinrich und Christoph Dittus kennen sich aus der gemeinsamen Schulzeit an einem Dachauer Gymnasium, und die gemeinsame Musik hilft ihnen, trotz unterschiedlicher Lebenswege weiterhin in Kontakt zu bleiben. Maximilian Langheinrich (Master Geodäsie und Geoinformation 2016) hat in München studiert, kam aber erst mit dem Masterstudium an die TUM. Seine Masterarbeit hat er am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geschrieben, wo er seither beschäftigt ist und nebenbei zum Thema Atmosphärenkorrektur promoviert. Christoph Dittus (Master Industrial Design 2010) hat seinen Bachelor in Schwäbisch Gmünd gemacht und ist für den Master an der TUM in den Münchner Raum zurückgekehrt. Nach seinem Abschluss hat er sich als Industrial Designer selbständig gemacht und entwickelt Designs sowohl für Investitions- als auch Konsumgüter, z.B. für Baufahrzeuge, Blutdruckmessgeräte oder Fahrräder.

Die Hand eines Musikers mit Instrument.

Bild und Video: Magdalena Jooß/TUM.

Maximilian Langheinrich und Christoph Dittus

spielen für Sie mit ihrer Old-School-Hardcore-Band.