David Lapola im gelben T-Shirt spricht im Dschungel mit einem Mitarbeiter, der einen Laptop hält.

Prof. David Lapola bespricht sich im Dschungel bei Manaus in Brasilien mit einem Forschungsmitarbeiter (Bild: João M. Rosa/AmazonFACE).

Alumni forschen
TUM Ambassador David Lapola
Dem Regenwald Geheimnisse entlocken
20. Apr 2022  |  
Lesezeit ca. Min.
Der Amazonas-Regenwald bedeckt eine Fläche halb so groß wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Er erstreckt sich über neun Länder, wird von Tausenden Flüssen durchzogen und ist Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten, von denen wir geschätzt bisher erst 20 Prozent kennen. Und er ist der Arbeitsplatz von TUM Ambassador David Lapola. Als Kooperationspartner in Brasilien forscht der Professor gemeinsam mit einem Team der TUM an einem einzigartigen Experiment und möchte herausfinden, welchen Einfluss der Klimawandel auf den Regenwald hat.
Von einem seiner ersten Ausflüge in den Amazonas-Regenwald wäre David Lapola beinahe nicht mehr zurückgekehrt. „Verlauft euch ja nicht“, hatte man dem Studenten und seinen Kommilitonen noch eingeschärft. „Sonst ist es wahrscheinlich, dass ihr nie mehr zurückfindet.“ Doch für seine Untersuchungen – er studierte damals die Interaktion von Ameisen und Pflanzen – musste er alleine auf eigene Faust losziehen. An diesem speziellen Tag entfernte er sich auf markierten Wegen zwei bis drei Kilometer vom Camp, prüfte die Pflanzen und als er sich umdrehte, wusste er plötzlich nicht mehr, woher er gekommen war. „Das war’s. Heute Nacht schlafe ich hier“, dachte David Lapola, der die Geschichte heute – zwanzig Jahre später – mit einem Grinsen im Gesicht erzählen kann.
Ich nahm mich selbst als einen winzigen Teil in diesem gefühlt unbegrenzten Wald wahr, in dem an jeder Ecke das Leben wächst und gedeiht.

Prof. Dr. David Lapola

NATURENTHUSIAST SEIT DER KINDHEIT

Mittlerweile ist David Lapola Meteorologie-Professor an der Universität Campinas in Brasilien und ein angesehener Experte für die Ökologie des globalen Wandels. Seine Begeisterung für den Regenwald begann genau dort in Manaus als junger Student: „Als ich das erste Mal diese riesigen Bäume gesehen habe, das war ein unglaubliches Erlebnis. Sie waren so viel höher als alles, was ich jemals zuvor gesehen hatte. Ich nahm mich selbst als einen winzigen Teil in diesem gefühlt unbegrenzten Wald wahr, in dem an jeder Ecke das Leben wächst und gedeiht.“ Ein Traum für David Lapola. Auch heute noch entdeckt er bei jedem seiner Besuche etwas Neues: Ein Insekt, einen Pilz, eine Pflanze, die er bisher noch nicht kannte. „Wenn mich Menschen nach der Motivation für meine Arbeit fragen, dann kann ich ihnen hochwissenschaftliche Gründe liefern, aber die ehrlichste Antwort ist, dass ich möchte, dass auch zukünftige Generationen diesen Wald, diese Fülle erleben und staunen können. So wie ich, als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal hier stand.“

DAS ERSTE EXPERIMENT SEINER ART IN DEN TROPEN

Seit einigen Jahren arbeitet David Lapola im Rahmen eines internationalen Kooperationsprojektes gemeinsam mit TUM-Professorin und Klimawissenschaftlerin Dr. Anja Rammig an einem einzigartigen Experiment, das dem Regenwald eines seiner vielen Geheimnisse entlocken soll: AmazonFACE. Der Amazonas-Regenwald speichert große Mengen des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid. Aber Rodungen, Landwirtschaft und steigende Temperaturen bringen diese Fähigkeit des tropischen Waldes an eine Grenze. Was wird dann passieren, wenn der Regenwald diese Kohlendioxidmengen nicht mehr speichert?

Podcast

David Lapola und seine Forschung

Im Podcast „TUM Global“ des TUM Institute for LifeLong Learning spricht David Lapola über seine Forschung im Amazonas Regenwald und verrät warum es so wichtig ist, zu erfahren, ob der Regenwald weiter eine Kohlenstoffsenke bleibt.

Bild: João M. Rosa/AmazonFACE.

Bei FACE-Projekten wird realitätsnah untersucht, wie sich künftig zu erwartende höhere Kohlenstoffdioxidwerte auf das Ökosystem auswirken. FACE steht für „Free Air CO2 Enrichment“: Es beschreibt einen technischen Versuchsaufbau, bei dem ein Teil des Waldes einer erhöhte Kohlendioxid-Konzentration ausgesetzt wird.

Seit über zwanzig Jahren steht ein FACE-Projekt in den Tropen auf der Wunschliste von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. „Es ist logistisch komplex, es ist teuer, es ist sehr viel Planung und Abstimmung nötig und es bedarf der Zusammenarbeit eines sehr guten wissenschaftlichen Teams. Kurz gesagt: Es ist einfach richtig viel Arbeit“, erklärt David Lapola. Er freut sich darauf, diese Herausforderung jetzt angehen zu können. Richtig stolz ist er auch auf sein internationales Team, das mit Begeisterung und viel persönlichem Engagement dabei ist. Da es das erste FACE-Experiment im Regenwald in Brasilien ist, freut er sich besonders über die Zusammenarbeit mit Anja Rammig, mit der er bereits während eines kurzen Aufenthaltes an der TUM im Jahr 2017 gemeinsam geforscht hat und die viel Expertise auf diesem Gebiet mitbringt.

Als junger Student kam David Lapola erstmals für ein Projekt in den Amazonas Regenwald und untersuchte die symbiotische Beziehung bestimmter Ameisen mit Pflanzen. Seither ist er immer wieder hierher zurückgekehrt und hat seine wissenschaftliche Arbeit auf dieses besondere Ökosystem ausgerichtet. Hier ist er mit Kollegen unterwegs zur Forschungsstation in Manaus (Bild: João M. Rosa/AmazonFACE).

LEHRREICHE STUNDEN

Den Regenwald zu schützen und ihn auch für künftige Generationen zu erhalten, das ist das Ziel David Lapolas, seit dem Tag, an dem ihn dieser fast verschluckt hätte. Doch wie hat er damals eigentlich wieder zurückgefunden?  „Es waren nur 30 Minuten, aber für mich fühlten sie sich schier endlos an. Ich war richtig verzweifelt. Es ist ja nicht so, als könnte man eine Weile in eine Richtung laufen und würde an irgendeiner Straße wieder rauskommen. Im Amazonas-Regenwald können Sie Monate langlaufen und enden, wenn Sie Glück haben vielleicht irgendwann in Venezuela“, sagt David Lapola lachend.

Ihn hatte man zuvor gewarnt, dass man sich nur noch schlimmer verirre, wenn man kreuz und quer laufe und versuche den Weg zurück zu finden. Also holte er erst einmal die Orange aus seinem Rucksack, die er als Proviant dabeihatte.  „Ich habe sie geschält und Stück für Stück gegessen. Langsam legte sich meine Aufregung und ich erkannte in der Ferne an einem Baum eine Einkerbung, die meine Machete auf dem Hinweg verursacht hatte. Also ging ich dorthin und erkannte eine weitere Einkerbung an einem anderen Baum.“ Schritt für Schritt fand er seinen Weg zurück. In Erinnerung wird ihm dieses Erlebnis an die „intensivsten dreißig Minuten“ seines Lebens sicher für immer bleiben. Zusammen mit vielen anderen lehrreichen Stunden im Amazonas-Regenwald.

TUM Ambassador David Lapola lehnt an einem Baum im Regenwald.

Bild: David Lapola.

Prof. Dr. David Lapola

TUM Ambassador 2021

 

David Lapola ist einer der aufstrebenden Wissenschaftler im Bereich der Ökologie und der Modellierung von ökologischen Modellen. Nach einem Bachelor in Ökologie, absolvierte er einen Master in Meterologie beim Nationalen Institut für Weltraumforschung in Brasilien (INPE) und kam 2007 nach Deutschland, um am Max-Planck-Institut für Meterologie zu promovieren. Nach einem Postdoc am INPE und einem Assistant Professorship an der Staatlichen Universität São Paulo (UNESP) ist er seit 2017 Professor an der Universität Campinas. Im selben Jahr kam er als August-Wilhelm Scheer Visiting Professor an die TUM und arbeitete mit der deutschen Klimawissenschaftlerin Prof. Dr. Anja Rammig. 2019 wurde die gemeinsame Arbeit in der Nature Geoscience veröffentlicht. Bei dem Projekt AmazonFACE handelt es sich um ein langfristig angelegtes Experiment, mit dem untersucht werden soll, wie sich künftig zu erwartende höhere Kohlenstoffdioxidwerte auf das Ökosystem auswirken.

2021 wurde David Lapola von TUM-Präsident Thomas F. Hofmann der Ehrentitel TUM Ambassador verliehen. In Anerkennung ihrer Verdienste erhalten seit 2013 einmal jährlich ausgewählte internationale Spitzen-Forscherinnen und –Forscher, die als Gast an der TUM geforscht haben, diesen Titel.