TUM Alumnus Dr. Jan Goetz vor einem Quantencomputer.

Mit der Quantentechnologie seines Start-ups will TUM Alumnus Dr. Jan Goetz Supercomputer noch schneller machen. Diese können pro Sekunde über eine Trillion Rechenoperationen durchführen. Ein Quantencomputer könnte hundert Billionen mal schneller arbeiten. Das würde einen wahren Quantensprung für die Forschung und die Industrie bedeuten (Bild: IQM).

Alumni gründen
Gründer Jan Goetz
„Über Nacht tauschte ich meine wissenschaftliche Laufbahn gegen eine Start-up-Karriere“
28. Jul 2022  |  
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Weltweit ist ein Wettlauf um die Zukunft des Höchstleistungsrechnens entbrannt. TUM Alumnus Jan Goetz ist ganz vorne mit dabei. In seinem Start-up hat er europaweit das größte und führende Team von Hardware-Experten für Quantencomputer vereint. Sein Studium an der TUM gab ihm das Fachwissen und die nötigen unternehmerischen Fähigkeiten mit auf den Weg.
TUM Alumnus Dr. Jan Goetz hat sich viel vorgenommen. Er will eine der größten technologischen Herausforderungen weltweit lösen: die Herstellung nützlicher Quantencomputer. Zudem will er Europa im globalen Wettrennen um die Quantentechnologie konkurrenzfähig machen. Hierzu gründete der passionierte Physiker ein Start-up, mit dem er auf dem besten Weg dazu ist, diese Ziele zu erreichen.

Sowohl im wissenschaftlichen als auch im kommerziellen Bereich sind Hochleistungsrechner nicht mehr wegzudenken. Mit ihnen kann die Entstehung des Universums untersucht werden, können Erdbeben, das Wetter und das Klima vorhergesagt, Öl- und Gasvorkommen entdeckt und Crashtests simuliert werden. Doch selbst Supercomputer können an der Komplexität bestimmter Aufgaben scheitern. Hierzu zählen Optimierungsaufgaben in der Finanzwirtschaft, im Verkehr und in der Logistik. Auch Simulationen zur beschleunigten Auffindung neuer Wirkstoffe in der Medikamentenentwickelung stoßen bisher immer wieder an Grenzen.

Die Quantentechnologie könnte hier die Lösung bieten. Während Supercomputer Jahre zur Berechnung entsprechender Aufgaben benötigen würden, könnten sie von Quantencomputern in Sekunden und noch dazu mit weniger Energieverbrauch gelöst werden. Theoretisch. Doch in der Praxis sind Quantencomputer, die zur Produktionsreife und damit zur tatsächlichen anwendungsbezogenen Nutzung gebracht werden können, noch Zukunftsmusik. Und das will Jan Goetz ändern.

DIE BESTE ENTSCHEIDUNG

Seit seinem Studium der technischen Physik an der TUM beschäftigt sich Jan Goetz mit der Quantentechnologie. Am Walther-Meißner-Institut für Tieftemperaturforschung absolvierte der gebürtige Rheinländer bei Professor Dr. Rudolf Gross seine Diplomarbeit über Quantenschaltkreise. Im Anschluss daran promovierte er bei ihm zu supraleitenden Quantenprozessoren. Für seinen Postdoc ging er an die Aalto University nach Helsinki. Am Quantum Computing and Devices-Labor der Universität trieb er gemeinsam mit seinem Professor Dr. Mikko Möttönen die Forschungen weiter voran.

Jan Goetz wollte eigentlich eine Professorenlaufbahn einschlagen. Doch Mikko Möttönen fragte ihn, ob er nicht eine Ausgründung leiten wolle. Mit dem Spin-off sollte die zukunftsträchtige Quantentechnologie ihren Weg aus dem Labor und hin zur praktischen Anwendung finden. Jan Goetz sagte spontan zu. „Damit tauschte ich meine wissenschaftliche Laufbahn über Nacht gegen eine Start-up-Karriere“, sagt er heute. „Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.“

BESTENS GEWAPPNET

Das Studium und die Promotion an der TUM waren für den neuen Karriereweg als Unternehmer von grundlegender Bedeutung. Das tiefe wissenschaftliche Verständnis für die Quantenphysik, das er sich hier aneignen konnte, ist unabdingbar, um auf dem komplexen Zukunftsfeld ein Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Zudem stellten sich all die Fähigkeiten, die er im Rahmen seiner Promotion gelernt hatte, als eben die notwendigen Skills dar, die er nun als Unternehmer braucht: das selbstständige Arbeiten in einem komplexen Umfeld mit täglich neuen Problemen und die Fähigkeit, ein heterogenes Team auf einen Nenner zu bringen. „An der TUM lernte ich mein fachliches Handwerk“, sagt er. „Hier fand ich heraus, dass meine große Stärke die Kommunikation ist.“

An der TUM lernte ich mein Handwerk.

Dr. Jan Goetz

Als Unternehmer ist es nun sein Tagesgeschäft, die innovativen Hardware-Lösungen, die von den hochkarätigen Forscherinnen und Forschern des Start-ups entwickelt werden, zu skalieren und zu vermarkten. Bisher holte er über 200 Millionen Euro aus öffentlichen und privaten Fördermitteln ein. Nun baut sein Start-up Finnlands ersten Quantencomputer.

Und auch in Deutschland und speziell in München ist Jan Goetz ganz vorne mit dabei. So wird ein Quantencomputer des Unternehmens demnächst in den Höchstleistungsrechner des Leibniz-Rechenzentrums (LRZ) in Garching integriert, um wissenschaftliche Forschung künftig signifikant beschleunigen zu können.

INVESTITION IN DIE ZUKUNFT

Das Projekt am LRZ leistet einen großen Beitrag beim Aufbau des sogenannten Munich Quantum Valley. Als eine der Gründungseinrichtungen ist die TUM an diesem Vorhaben maßgeblich beteiligt. Rund um den gemeinsamen Exzellenzcluster Munich Center for Quantum Science and Technology rief sie gemeinsam mit der LMU bereits den Masterstudiengang Quantum Science and Technology ins Leben. Das TUM Institute for LifeLong Learning entwickelt derzeit ein weltweit einzigartiges Weiterqualifizierungsprogramm für Fach- und Führungspersonen aus der Wirtschaft im Bereich der Quantentechnologien. Und mit dem von Bund und Bayern geförderten TUM Center for Quantum Engineering sollen Forschungsprojekte künftig noch schneller in marktfähige Produkte überführt werden.

Und auch hier bringt sich Jan Goetz ein und gibt Kurse im TUM Quantum Venture Lab. „Ich möchte mein Wissen und meine Erfahrungen an die nächste Generation von Quanteningenieuren und Unternehmerinnen weitergeben“, sagt er. „Durch diese Tätigkeit erhoffe ich mir auch, mehr hervorragend ausgebildete Quantenexperten kennenzulernen, die nach ihrem Studium oder der Promotion ihren Weg zu uns in die Firma finden.“

TUM Alumnus Jan Goetz.

Jan Goetz (Bild: Privat).

Dr. Jan Goetz

Diplom Physik 2011, Promotion 2016

 

Für sein Studium zog Jan Goetz von Neuss nach München. Hier studierte er an der TUM Technische Physik mit Schwerpunkt Tieftemperaturphysik und Energiewissenschaften. Am TUM-Lehrstuhl für Technische Physik promovierte er daraufhin zu supraleitenden Quantenprozessoren. Seine Postdoktorandenzeit verbrachte er an der Aalto University im finnischen Helsinki, von 2018 bis 2019 mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship. Gemeinsam mit seinem Professor Dr. Mikko Möttönen sowie mit Dr. Kuan Yen Tan und Prof. Juha Vartiainen startete Jan Goetz im Jahr 2019 das Start-up IQM Quantum Computers. Als CEO des Unternehmens hat es sich TUM Alumnus Jan Goetz zum Ziel gemacht, Quantencomputer zur Marktreife zu bringen. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile mehr als 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und verfügt über Geschäftsstellen in Espoo, München, Paris und Madrid. 2019 wurde Jan Goetz auf dem World Economic Forum zum Digital Leader gekürt. Seit 2021 ist er Board Member des European Innovation Council and SMEs Executive Agency sowie Member of the Governing Board des European Quantum Industry Consortium.

Um einen Ausgleich in seinen stressigen Arbeitsalltag zu bekommen, versucht Jan Goetz mindestens zweimal pro Woche Laufen zu gehen. Das hat für ihn einen meditativen Effekt. Ansonsten entflieht er immer wieder gerne in die Natur, meistens wandernd. Mit seinen Freunden macht er öfter mehrtägige Rucksacktouren durch Lappland oder durch die Alpen. Neulich bestieg er im Atlas-Gebirge gleich mehrere Viertausender. Das macht den Kopf frei und gibt ihm Kraft, so sagt er.